Svenja Borchert
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Svenja Borchert

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“This Island’s mine”

Januar 10, 2018 Deutsch, Print, Theatre

Der Postkoloniale Ansatz in Shakespeares The Tempest

In der ersten Szene des Tempest erleben wir, wie eine Handvoll italienischer Adliger und Seeleute durch einen Sturm Schiffbruch erleiden und verstreut auf einer geheimnisvollen Insel stranden. Schon bald ereilt sie das unheimliche Gefühl, dass sie dort nicht allein sind. Tatsächlich hat die Insel bereits einige Bewohner kommen und gehen sehen und merkwürdige Geräusche und Erscheinungen deuten darauf hin, dass sich dort mehr Leben tummelt, als das Auge wahrnimmt.

Den Sturm hat der Magier Prospero verursacht, der selbst aus eben jener Gesellschaft stammt, die er nun auf seine Insel gelockt hat. Von ihnen wurde er im Exil auf die Insel verbannt. Doch er war nicht der erste dort. Um sein Überleben und das seiner Tochter Miranda zu sichern, unterwirft er die bisherigen Inselbewohner mit seiner Magie und herrscht seitdem über die Insel und alles Leben dort.

Prospero als Imperialistischer Herrscher: Caliban

Die postkoloniale Interpretation des Tempest, in der Prospero der selbst erklärte imperialistische Herrscher einer Südseeinsel ist, ist seit den 1950er Jahren weit verbreitet. Der Gedanke ist naheliegend, wurde doch ein Großteil der Welt zu Shakespeares Lebzeiten noch von Europäischen Siedlern besetzt. Geschichten aus der neuen Welt werden auch ihn erreicht haben, mit ausgeschmückten Erzählungen über Begegnungen mit amerikanischen Ureinwohner und Kannibalen in der Karibik. Von der breiten Masse der Weißen Europäer wurden diese aufgrund der Andersartigkeit ihres Aussehens, ihrer Sprachen, Kulturen und Religionen als „Untermenschen“ wahrgenommen. Dadurch sahen sich die Europäer moralisch im Recht, sogar in der Pflicht, diese zu unterwerfen und ihnen die eigene Sprache und Kultur aufzuzwingen.

Im Tempest wird der gebürtige Inselbewohner Caliban gern als Symbol für die ursprünglichen Bewohner der neu besiedelten Kontinente gesehen. Schon in seinem Namen finden wir ein Anagramm von „Cannibal“ und eine starke Ähnlichkeit zu „Cariban”, wie die Ureinwohner der Karibischen Inseln bezeichnet wurden. Nach Prosperos Ankunft auf der Insel heißt ihn Caliban willkommen und weiht ihn in alle Schätze und Geheimnisse seiner Heimat ein. Im Gegenzug nimmt Prospero ihn bei sich und seiner Tochter Miranda auf und beide lehren ihn, ihre Sprache zu sprechen. Als er jedoch versucht, Miranda zu vergewaltigen, sperrt Prospero ihn ein und macht ihn zu seinem Sklaven. Verbittert bemerkt Caliban, dass Prospero ihm seine Insel gestohlen hat und sein Geschenk der Sprache ihm nichts Gutes gebracht hat: „You taught me language, and my profit on ‚t is I know how to curse.“ (I,2) Um sich von Prospero zu befreien, unterwirft er sich jedoch direkt den nächsten Europäern, die er trifft: die Schiffbrüchigen Stephano und Trinculo. Sie machen ihn mit Alkohol hörig, woraufhin er sie für Götter hält und ihnen folgt. Sie nennen ihn „Monster“ und „Mooncalf“ und betrachten ihn als untermenschliche Kreatur, über die sie sich amüsieren können. Sie scherzen darüber, dass sie ihn mit nach Hause nehmen und dort in einer Art „Freak Show“ ausstellen können, um an ihm Geld zu verdienen. 

An dieser Stelle hört der Vergleich von Caliban mit einem klischeehaften „Wilden“ jedoch bereits auf. Intellektuell wie moralisch scheint er seinen betrunkenen Meistern weit überlegen. Er überredet sie geschickt zu einem Plot, Prospero zu töten und die Macht über die Insel an sich zu reißen. Doch sie lassen sich im Gegensatz zu Caliban leicht von Ariel austricksen und ablenken.  Auch auf der sprachlichen Ebene ist Caliban einer der eloquentesten Charaktere im Stück. Seine Sprache ist poetisch und wandelbar: Er kann mit Prospero im perfekten Blankvers sprechen und für die Betrunkenen problemlos zu Prosa wechseln. Auch nutzt er die neu gelernte Sprache sehr kreativ, indem er sich ausgeschmückte Flüche und Beschimpfungen ausdenkt. Seine sinnlichen Beschreibungen der Insel sind sogar auffällig eloquenter als die der gestrandeten europäischen Adligen.

In Bezug auf Calibans Spracherwerb hinkt der postkoloniale Ansatz ebenfalls: Im Vergleich zu kolonialisierten Ureinwohnern der neuen Welt hat Caliban keine eigene Sprache und ist kein Teil einer Kultur, die verdrängt wird. Bevor Prospero kommt, spricht er überhaupt keine Sprache und ist der einzige seiner Art. Andere Charaktere beschreiben ihn als eine ungewöhnliche Kreatur, die halb Mensch und halb Fisch zu sein scheint. Prospero geht so weit, ihn als Halb-Dämon zu bezeichnen, einen Cambion. Da seine Mutter Sycorax eine mächtige Hexe war, passte es in das Weltbild der Elisabethaner, dass sie möglicherweise mit Teufeln und Dämonen verkehrte. Prosperos Vergehen, einen intelligenten und gerissenen Halb-Dämon einzusperren, um sich und seine Tochter zu schützen, wirkt aus dieser Perspektive leichter zu entschuldigen. Allerdings kennen wir Sycorax Teil der Geschichte nur aus Prosperos Erzählungen, weshalb diese Informationen mit Vorsicht zu genießen sind: Prospero ist ein geschickter Manipulator, der das Publikum ebenso im Griff haben könnte wie die Schiffbrüchigen. Das letztendliche Niederlegen seiner Magie und Macht, der Rückzug von der Insel und die Befreiung seiner Bewohner sowie seine letzte Aussage über Caliban, „This thing of darkness I acknowledge mine“ (V,I), zeigen möglicherweise ein ehrliches Eingeständnis von Prosperos Seite, dass seine Herrschaft auf der Insel auch Schaden hinterlassen hat und nun beendet werden muss. Was nach der Abreise der Europäer mit der Insel geschieht und ob Caliban allein auf ihr zurückgelassen wird, bleibt der Phantasie überlassen.

Macht durch Inszenierung: Ariel

Das Gegenstück zu Caliban ist ein weiterer Gefangener von Prospero: Der Luftgeist Ariel. Er ist der größte Kritikpunkt von Kritikern des Postkolonialen Ansatzes. In Inszenierungen, die sich auf diese Interpretation fokussieren, wird Ariel oft vernachlässigt und stark gekürzt, da er nicht ins Bild passt. Ariel diente ursprünglich Sycorax, war jedoch aufgrund seiner Beschaffenheit als gutartiger Geist nicht in der Lage, ihre dunklen Befehle auszuführen. Da sie ihn nicht kontrollieren konnte band Sycorax ihn mit ihrer Magie in eine Kiefer. Als Prospero ihn zwölf Jahre später findet, angelockt von seinen Schmerzensschreien, befreit er ihn und macht ihn zu seinem eigenen Sklaven. Erst durch die Möglichkeit, Ariel zu befehligen, wird Prosperos Macht über die Insel so groß. Das magische Wesen kann die Elemente kontrollieren, frei seine Form und Sichtbarkeit verändern, Stimmen imitieren, Menschen betäuben und einfrieren und mit Illusionen in die Irre führen. Ariel beschwört den Sturm herauf, der die Handlung erst in Gang setzt und beeinflusst sie immer wieder durch seine Kräfte. Dieser Aspekt des Charakters ist unmöglich zu ignorieren: Er ist nicht menschlich, er ist sogar übermenschlich. Ihn als einen weiteren unterdrückten Ureinwohner der Insel neben Caliban zu stellen, geht nicht ganz auf.

Prospero beraubt Ariel zwar seiner Freiheit, jedoch findet auch hier keine Unterdrückung einer Kultur statt. Ariel hat keinen menschlichen Körper und damit auch kein Geschlecht und keine genetische Herkunft, der sich Prospero überlegen fühlen könnte. Auch hat ihn Prospero nicht in seine eigene, westliche Kultur eingeführt. Aufgrund seiner Wandelbarkeit kann Ariel in Prosperos Gegenwart eine sichtbare Form annehmen und in dessen Sprache, sogar in seinem höfischen Blankvers mit ihm sprechen. Ist er allein auf der Insel, nimmt er jedoch andere Körperformen an und kommuniziert durch Musik, Tiergeräusche und kurze, rhythmische Reime. Er steigt sogar in die Trinklieder der Betrunkenen Schiffbrüchigen ein. Diese Fähigkeit entstammt aber seiner eigenen Magie und wurde ihm nicht von Prospero vermittelt. Zwischen Prospero und Ariel scheint es sogar ein fast liebevolles Verhältnis zu geben. Dieses hat aber gerade im Angesicht der Versklavung Ariels und seiner ständigen Bitten nach Freiheit einen bitteren Beigeschmack. Auch gegenüber Caliban verhielt sich Prospero zuerst fürsorglich und fast väterlich, bis Caliban gegen seine Regeln verstoßen hat. Sobald Ariel etwas aufmüpfig wird, droht ihm sein Meister ebenfalls mit Gewalt.

Ein Herrscher ist Prospero sicherlich, allerdings sind seine Motive weniger imperialistischer Natur als ein Mittel zur Selbsterhaltung und zum Schutz seiner Tochter. Caliban wird erst zum Sklaven, wenn er eine Gefahr für Miranda darstellt und Ariels Macht wäre ungebändigt seiner menschlichen Magie womöglich überlegen. Schließlich sind Ariel auch noch zahlreiche weitere magische Wesen unterstellt: Sprites, Goblins, Nymphen und sogar Reaper – spirituelle Wesen, oft als „Sensenmänner“ dargestellt, die Sterbende ins Totenreich überführen.

Das übermenschliche Leben auf der Insel

Die Beschreibungen über die ständig klingenden Geräusche und Melodien der Insel sind der großen Präsenz magischer Wesen geschuldet. Ihre Herkunft ist nicht klar, entweder waren sie schon vorher auf der Insel oder wurden von Sycorax mitgebracht. Ihre Anwesenheit ist in den meisten Fällen eher spürbar als sichtbar, doch sie wird von allen menschlichen Besuchern der Insel wahrgenommen. Besonders Gonzalo ist von der Insel fasziniert und hat bereits auf den ersten Blick eine merkwürdig spezifische Utopie vor Augen:

I‘ the commonwealth I would by contraries
Execute all things; for no kind of traffic
Would I admit; no name of magistrate;
Letters should not be known; riches, poverty,
And use of service, none; contract, succession,
Bourn, bound of land, tilth, vineyard, none;
No use of metal, corn, or wine, or oil;
No occupation; all men idle, all;
And women too, but innocent and pure;
No sovereignty;–
[…]
All things in common nature should produc
Without sweat or endeavor. Treason, felony,
Sword, pike, knife, gun, or need of any engine,
Would I not have.

Diese Textstelle dient als starker Hinweis darauf, dass der Essay „Of Cannibals“ von Michel de Montaigne, 1603 in der englischen Übersetzung erschienen, eine Quelle für den Tempest war:

This is a people […] among whom there is no commerce at all, no knowledge of letters, no knowledge of numbers, nor any judges, or political superiority, no habit of service, riches, or poverty, no contracts, no inheritance, no divisions of property, no occupations but easy ones, no respect for any relationship except ordinary family ones, no clothes, no agriculture, no metal, no use of wine or wheat. The very words which mean „lie,“ „treason,“ „deception,“ „greed,“ „envy,“ „slander“ and „forgiveness“ are unknown.

Montaigne spricht sich gegen die Arroganz und Egozentrik der Europäer aus, die alle nicht-westlichen Kulturen als babarisch betrachteten. Er vertritt die These, dass das Leben indigener, selbst kannibalischer Stämme naturverbundener und daher reiner und ehrlicher ist als das der Europäer. Als babarisch könne man eher das westliche Bestreben bezeichnen, die Natur zu unterwerfen und in ihren kolonialistischen Vorstößen andere Kulturen mit der eigenen Lebensweise zu verderben.

Tatsächlich werden auch im Tempest die Europäer nicht gerade schmeichelhaft dargestellt. Caliban und die magischen Wesen der Insel sind naturverbunden. Sie benötigen keine Sprache und haben keine Bestrebungen nach Macht, Besitz oder Titeln. Daher brauchen sie weder Arbeit noch Kriege und leben in Harmonie mit ihrer Umgebung und vermutlich, ohne menschlichen Einfluss, auch miteinander. Im Gegensatz dazu, gibt es unter den Schiffbrüchigen bereits nach kürzester Zeit zwei Plots, den amtierenden Herrscher zu ermorden und seinen Platz einzunehmen. Caliban ist an einem dieser Plots nur beteiligt, um wieder Zugang zur Insel zu haben. Seine Ausage, „This island’s mine“, steht mehr für einen Wunsch nach Freiheit als für einen Besitzanspruch oder Streben nach Land. Ebenso hat Ariel bloß Interesse am Erfolg von Prosperos Bestrebungen, um endlich seine Freiheit zu erlangen. Hier finden wir eine mögliche Kritik am festgefahrenen, eurozentrischen Weltbild der Inselgäste, denen selbst kurz vor dem Verdursten noch ihre Adelstitel wichtiger sind als das gemeinsame Überleben. Ihre Macht- und Besitzansprüche, politischen Plots und Prosperos Reden über voreheliche Keuschheit wirken in der fremden, natürlichen Umgebung entrückt und fast lächerlich.

Der Einfluss der Kolonialzeit auf die Handlung des Tempest ist durchaus auszumachen und war für die zeitgenössischen Theaterbesucher sicherlich sehr aktuell und unterhaltsam. Eine rein postkoloniale Interpretation, auch wenn sie als Inszenierung sehr gut funktionieren kann, lässt jedoch viele ebenso interessante Aspekte des Stückes außer Acht.

Photo © David Heuberg