Svenja Borchert
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Svenja Borchert

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Maschinenmenschen

März 28, 2018 Deutsch, Print, Theatre

„That I might infuse a spark of being into the lifeless thing that lay at my feet“

Seit Menschengedenken sind Forscher, Philosophen und Künstler von der Vorstellung des künstlichen Menschen fasziniert. Sie ist bereits in antiken, mythischen Figuren wie Prometheus, Pygmalion und Golem vorhanden. Noch bis über das Mittelalter hinaus war das Erschaffen eines Menschen jedoch untrennbar mit Göttern, Zauberei und Hexenwerk verbunden. Erst die Erkenntnisse der Anatomie des 18. Jahrhunderts enträtselten den menschlichen Körper als eine Art Maschine aus verschiedenen, zusammen wirkenden Teilen. Der Mensch schien nun weniger ein göttliches, sondern eher ein mechanisches Rätsel zu sein.

Das Verhältnis von Mensch und Maschine ist seit der industriellen Revolution ein Thema, das die Geister spaltet. Die technischen Neuerungen des 18. Jahrhunderts erleichterten viele Arbeitsprozesse enorm. Gleichzeitig hatten Arbeiter jedoch die begründete Angst, ersetzt zu werden, denn die Maschinen erledigten ihre Arbeit schneller und effizienter. Es stellte sich die Angst ein, dass Maschinen gegen Menschen rebellieren und die Macht ergreifen könnten.

Die Bezeichnung „Roboter“ wurde  durch das 1921 uraufgeführten Theaterstück „RUR – Rossumovi Univerzální Roboti“ von Karel Čapek eingeführt. Im Stück heißen so die mechanischen Arbeitskräfte, die gegen ihre menschlichen Schöpfer rebellieren. Das Wort leitet sich vom tschechischen „robota“ ab, dass in etwa „Fronarbeit“ bedeutet. Ausgehend von seiner ursprünglichen Rolle bei Čapek wird der Maschinenmensch auch in späteren Erscheinungen  häufig in Verbindung mit unterdrückten und rebellierenden Arbeitskräften gesetzt. Einen der ersten Filmauftritte hatte er im Jahre 1927 als Ebenbild von Maria, der Erlöserin der leidenden Arbeiter, in Fritz Langs „Metropolis“.

Anthropomorphe Maschine

Schon die ersten Vorstellungen von Maschinenmenschen nahmen menschenähnliche Formen an. Die mechanischen Puppe Olimpia in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ aus dem Jahre 1816 ist so lebensecht, dass sich der Protagonist in sie verliebt und darüber den Verstand verliert. Diese Liebe ist aber eine narzisstische. Nathanael nutzt die seelenlose und nahezu stumme Holzpuppe als Projektionsfläche für seine eigenen Vorstellungen.

Die Tendenz, Maschinen menschliche Attribute zu geben, wird allgemein auf den Narzissmus der Menschen zurückgeführt. Wie er sich schon in zahlreichen Schöpfungsmythen als Ebenbild seines allmächtigen Schöpfers sah, schafft er nun auch sein eigenes Geschöpf nach seinem Vorbild, um sich in ihm zu erkennen und besser zu verstehen. Aus diesem Drang heraus gaben schon die Bildhauer der Antike ihren Göttern in Statuen eine Menschenform und dichteten ihnen menschliche Eigenschaften wie Liebe, Eifersucht, Furcht und Zorn an. Davon ausgehend bezeichnen wir noch heute die Tendenz,  nicht-menschlichem eine Menschenform zu geben als „Anthropomorphismus“.

Anthropomorphe, also menschenförmige Maschinen werden als „Androide“ bezeichnet. Dies leitet sich aus den griechischen Wörtern „andrós“ und „eĩdos“ ab und kann als „mannförmig“ übersetzt werden. Bei weiblichen Androiden wie Olimpia wählt man entsprechend die Bezeichnung „Gynoid“. In der Realität werden Maschinen eher selten menschenähnlich dargestellt. Ein Grund dafür ist das vom Robotik Ingenieur Masahiro Mori aufgedeckte Phänomen „uncanny valley“. Dieser Begriff beschreibt einen rapiden Abfall der positiven Wahrnehmung von Menschenähnlichkeit. Je menschlicher eine Maschine wirkt, desto angenehmer sind eigentlich die Reaktionen des Nutzers. Ab einem bestimmten Punkt ist die Ähnlichkeit jedoch so groß, dass die kleinen bleibenden Unterschiede stark hervorstechen und die Maschine insgesamt befremdlich und unheimlich wirkt und negative Reaktionen hervorruft.

Technomorpher Mensch

Egal wie nah sie an die äußere Form eines Menschen kommen, Roboter sind grundsätzlich aus künstlichem Material geschaffen und haben keine biologischen Elemente. Mischformen aus Technik und Organismus hingegen nennt man „Cyborg“, eine Kurzform für „cybernetic organism“. In der Realität könnte man theoretisch schon Menschen mit Herzschrittmachern oder Hörgeräten als Cyborgs bezeichnen. Auch die Einbindung des Menschen in ein Informations- und Kommunikationssystem kann mit diesem Begriff belegt sein, zum Beispiel virtuelle Identitäten oder persönliche Profile in sozialen Netzwerken im Internet. In diesen Fällen ist nicht immer erkennbar, wo der Mensch aufhört und die Technik beginnt.

Eine weitere Frage im Verhältnis von Mensch und Maschine ist also, wie viele Teile des Menschen durch mechanische und technische Prothesen ersetzt werden können, bis er nicht mehr als Mensch, sondern als Maschine definiert werden muss. Dabei ist vor allem der Bereich des zentralen Nervensystems problematisch, da das Gehirn als Sitz des menschlichen Geistes gilt. Durch das Ersetzen einzelner Teile könnte dieser entweder verlorengehen, oder aber auf die Maschine übertragen werden, welches wahrscheinlich für die meisten Menschen der unheimlichere von beiden Gedanken ist. Die Seele wäre damit auf eine logisch erklärbare Instanz reduziert, die man beliebig nachbauen und vervielfältigen kann, was den Menschen aus seiner einzigartigen Stellung in der Natur enthöbe.

Eingrenzung der Menschlichkeit

Die Erfindung und rapide Weiterentwicklung des Computers im 20. Jahrhundert erweiterte die Vorstellung vom künstlichen Menschen als belebtem Automaten um die Möglichkeit einer künstlichen Intelligenz. Mit dieser folgen Phantasien von denkenden, fühlenden Maschinen mit freiem Willen, Selbstbewusstsein, Moralvorstellungen und emotionalen Empfindungen.

Dies verlegte auch die Bedrohlichkeit der Maschinen von ihrer überlegenen Kraft hin zu ihrer überlegenen Intelligenz. Ganz deutlich zeigte sich dies in den berühmten Duellen des IBM-Schachcomputers „Deep Thought“, 1993 in „Deep Blue“ umbenannt, und dem langjährigen Weltmeister Garry Kasparov. Es ging in diesen Duellen weniger um den besseren Spieler als um das Kräftemessen von Mensch und Maschine. Kasparov selbst soll vor einem Match gesagt haben: „To some extent this is a defense of the whole human race.“ Letztendlich hat es „Deep Blue“ jedoch geschafft und wurde im Februar 1996 zur ersten Maschine, die einen Schachweltmeister in einem Spiel geschlagen hat, schon ein Jahr später sogar in einem ganzen Turnier. Das Time Magazine beschrieb dieses Ereignis für die menschliche Art als „species-defining“.

Der Tradition der Aufklärung entsprechend wurde Menschlichkeit lange Zeit durch Vernunft und Rationalität charakterisiert, vor allem im Hinblick auf die Unterscheidung des Menschen vom Tier. Als das Zusammenleben mit der Maschine jedoch mehr Einfluss nahm, musste der Mensch sich auch in diese Richtung abgrenzen. Da Vernunft und Rationalität inzwischen typische Merkmale des Computers geworden waren, verschob sich das Bild von der Menschlichkeit wieder in die entgegengesetzte Richtung. Die Eigenschaften des Menschen, die der Computer noch nicht erreichen konnte, werden daher oft bewusst betont. Dazu zählt alles, was mit dem Körper verbunden ist, also Sexualität, Fortpflanzung, Sinne, Gefühle und sogar die Sterblichkeit. Filme wie „Bicentennial Man“, „I, Robot“  und „Artificial Intelligence: AI“ greifen dies auf, indem sie Maschinenmenschen darstellen, die auf teilweise sogar kindliche Art ihre Sinne und Gefühle entdecken.

Der Frankenstein Komplex

Besonders das kindliche Element zeigt eine Bedrohlichkeit, die mit der körperlichen Überlegenheit der Industriemaschinen nichts mehr zu tun hat. Stattdessen geht es hier um etwas, das der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov als „Frankenstein Komplex“ bezeichnete. Dieser beschreibt die Angst, vom eigenen Geschöpf  verdrängt zu werden. Viel schlimmer als eine rein physische Überlegenheit ist für den Menschen die Vorstellung, dass die Maschine ihn in seinen geistigen Fähigkeiten übertrifft, ersetzt und damit für immer nutzlos macht. Das Anstößigste an der intelligenten Maschine ist für den Menschen ihre Unsterblichkeit. Sie eröffnet die Möglichkeit einer technischen Evolution, bei der der Mensch zwangsläufig auf der Strecke bleibt.

Diese Angst ist nicht erst mit dem Computer entstanden, denn das Muster ist bereits in der griechischen Mythologie in der Beziehung von göttlichen Eltern zu ihren Kindern vorhanden. Die antike Entstehungsgeschichte des Universums beruht auf diesem Motiv. Der erste Herrscher des Universums, Ouranos, wird von seinem Sohn Kronos überwältigt, der daraufhin die Macht übernimmt. Dieser fürchtet jedoch, dass seine Kinder es ähnlich anstellen und ihm irgendwann das Zepter entreißen. Aus diesem Grund verspeist er seine Kinder direkt nach der Geburt. Seine Frau schafft es jedoch, das jüngste Kind zu retten: Zeus. Dieser schließlich rettet seine Geschwister aus dem Bauch des Vaters und macht die Prophezeiung seines Vaters wahr: er besiegt ihn und nimmt seinen Platz ein. Eine weitere Bedeutungsebene stellt der Ödipus Mythos. König Laios wird ein Fluch auferlegt, dass sein eigener Sohn ihn töten und seine Frau Lokaste heiraten werde. Daraufhin verletzt er das Kind an den Füßen und setzt es aus. Ein Hirte jedoch hat Mitleid und rettet den Jungen. Später wird er tatsächlich unwissend seinen eigenen Vater erschlagen und seine Mutter als Belohnung zur Frau bekommen. Nicht nur die Stärke und Macht des eigenen Geschöpfes wird vom Vater gefürchtet, sondern auch dessen Sexualität.

Der Frankenstein Komplex umfasst aber auch das Bild des verrückten, männlichen Wissenschaftlers, der versucht, die natürliche menschliche Fortpflanzung und die weibliche Rolle darin zu umgehen und sich mit der Erschaffung eines Wesens aus dem Nichts göttliche Fähigkeiten anmaßt. Letzten Endes muss er scheitern. Die ausgenutzte Kreatur erkennt ihre eigene Kraft und befreit sich von ihrem Schöpfer.

Photo ©G2 Baraniak

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