Svenja Borchert
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Svenja Borchert

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Ein Sommernachtsalbtraum

März 28, 2015 Deutsch, Print, Theatre

 If we shadows have offended,

 Think but this, and all is mended—

 That you have but slumbered here

 While these visions did appear.

 And this weak and idle theme,

 No more yielding but a dream

In den letzten Zeilen von Shakespeares A Midsummer Night’s Dream stellt es Puck dem Publikum frei, die Geschehnisse auf der Bühne wie einen Traum zu betrachten. Auch der Titel des Stückes suggeriert, dass wir Zeugen eines Traumes werden. Allerdings ist nicht deutlich zu erkennen, ob es sich wirklich um einen Traum handelt, wo er beginnt, wo er aufhört und wer ihn eigentlich träumt.

Traumtypen und Traumbilder

Ein Traum wird allgemein als „psychisches Erleben während des Schlafs“ definiert. Träume werden meist in Form von visuellen Eindrücken erlebt. Seltener werden auch Geräusche, Berührungen, Gerüche, Geschmäcke oder sogar Gefühle oder Denkvorgänge wahrgenommen. Während einer Nacht durchlebt ein Mensch mehrere etwa 90-minütige Zyklen aus Leichtschlaf, Tiefschlaf und REM-Schlaf („rapid eye movement“). Man unterscheidet neun Traumtypen, die in verschiedenen Schlaf- oder Wachphasen auftreten.

Der „Einschlaftraum“ tritt in der Einschlafphase auf und zeichnet sich häufig durch ein plötzliches Gefühl des Fallens oder Fliegens aus. Häufig schreckt der Einschlafende davon auf. In den weiteren drei Schlafphasen träumen die Wenigsten. Nur bei Kleinkindern tritt in dieser Phase noch der „Pavor Nocturnus“ auf, eine Art Nachtangst im halbwachen Zustand. In der REM-Phase sind diejenigen Gehirnzentren besonders aktiv, die Gefühle und Affekte bestimmen. Gleichzeitig wird der Bewegungsapparat blockiert, damit er seine Traumbewegungen nicht ausführt. Funktioniert diese Blockade nicht richtig, kann es zum Schlafwandeln kommen. Die Träume in dieser Phase werden klarer und wirken teilweise täuschend echt. In „Klarträumen“ ist sich der Träumende sogar seines Traumzustandes bewusst und kann das Geschehen steuern. Diese Fähigkeit des luziden Träumens kann durch das regelmäßige Durchführen von „Reality Checks“ trainiert werden, zum Beispiel Finger zählen, Licht einschalten, auf die Uhr schauen oder ein Buch lesen. Im Traum sind all diese Dinge nicht möglich oder führen zu absurden Ergebnissen.

Albträume, finden ebenfalls in der REM-Phase statt. Sie kennzeichnen sich durch Verfolgungsjagden, Katastrophen, soziale Bloßstellung, den Verlust von Angehörigen oder sogar den eigenen Tod. Hier gibt es einige, von Sigmund Freud als „typische Träume“ bezeichnete Traumbilder, von denen sehr viele Menschen berichten können – darunter zum Beispiel das Nacktsein unter Menschen oder der plötzliche Verlust aller Zähne. Im Regelfall wacht man von einem Albtraum auf.

Halluzinationen im Wachzustand, Meditation und Tagträume zählen zu den „Tagträumen“. Im Extremfall verschwimmen dabei Realität und Phantasie und man spricht von Realitätsflucht. Enthält ein Traum Ereignisse aus der Realität, zum Beispiel wenn der Träumende ein traumatisches Erlebnis noch einmal durchlebt, spricht man von einem „Wahrtraum“. Bewahrheiten sich Ereignisse aus Träumen, spricht man von prospektiven Wahrträume, im Rahmen von Religion, Esoterik oder Parapsychologie auch von Prophezeiungen. 

Schlafforschern sind Träume nach wie vor ein Rätsel. Sie sind schwierig zu erforschen, da Probanden während des Träumens keine Fragen beantworten können. In der Aufwachphase werden Träume innerhalb von Sekunden vergessen oder die Bilder werden undeutlich und Zusammenhänge unklar. Es gibt bisher keine Einigkeit darüber, welchen Zweck das Träumen hat. Sigmund Freud sah in Träumen den Ausdruck von tiefen Wünschen, den Schlüssel zum unbewussten Seelenleben. Einige Hirnforscher hingegen halten Träume für eine Art zufälliges und bedeutungsloses Nervengewitter. Andere Menschen haben ihren Träumen jedoch große Bedeutung entnommen, so wie Salvador Dalí durch seine Bilder oder Paul McCartney, der die Melodie zum Beatles-Hit Yesterday aus einem Traum entnahm.

Traumsymbole in A Midsummer Night’s Dream

Shakespeare scheint sich für Träume und Traumbilder interessiert zu haben, denn sie ziehen sich als Motiv durch das ganze Stück. Bereits in der ersten Szene gibt Hippolyta einen Hinweis auf das, was uns erwartet:

Four days will quickly steep themselves in night.
Four nights will quickly dream away the time.

In Träumen wird die erlebte Zeit verzerrt. Das Traumgeschehen einer Nacht kann sich über Jahre erstrecken und wenige Sekunden können sich über Stunden ausdehnen. Der Schlafende hat kein Gefühl dafür, wie viel Zeit vergeht. Auch im Wald des Feenkönigs gehen Tag und Nacht ineinander über. Die vier Sommernächte fühlen sich an wie eine einzige. Die Charaktere schlafen zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Konstellationen. Die wirklich verrückten Ereignisse geschehen erst, nachdem Titania, Lysander, Hermia und Demetrius sich schlafen gelegt haben. Es stellt sich die Frage, ob ihr erstes Erwachen im Wald nicht schon Inhalt eines Traumes ist. Bis zum Ende hin sind sich die Liebenden unsicher, ob sie je aufgewacht sind:

    Are you sure

That we are awake? It seems to me

That yet we sleep, we dream.

Ihre Erlebnisse im Wald wirken rückblickend wirklich wie ein schlechter Traum. In der ersten Nacht im Wald wird Hermia von einem typischen Albtraum geweckt:

Ay me, for pity! What a dream was here.

Lysander, look how I do quake with fear.

Methought a serpent eat my heart away,

And you sat smiling at his cruel prey.

Schlägt man die Symbolik dieses Traumes nach, wirkt er wie aus Freuds Feder. Todesangst im Traum weist auf den Beginn eines neuen Lebensabschittes für die Träumende hin. Die Schlange steht für eine schlüpfrige Person und Angst vor Vertrauensbruch. Freud betrachtet sie außerdem als Phallussymbol, das sexuelle Bedürfnisse verkörpert. Hermias Traum kann also die Folge von Lysanders Annäherungsversuchen sein, verbunden mit der Angst, dass sie ihm nicht vertrauen kann. Falls dies wirklich Hermias unterbewusste Sorge ist, sind die weiteren Geschehnisse umso dramatischer. Zuerst hält sie Lysander für tot, dann erfährt sie, dass er sie für Helena verlassen hat. Hier zeigt sich ein weiteres, typisches Albtraummerkmal: der Verlust einer geliebten Person.

Auch Helena erlebt ein typisches Albtraumszenario. Sie irrt durch einen dunklen Wald und wird dabei verfolgt. Als Lysander und Demetrius ihr ihre Liebe gestehen geht sie außerdem davon aus, dass die beiden Männer und Hermia sich gemeinsam über sie lustig machen. Ruft man sich Helenas niedriges Selbstvertrauen und ihren Liebeskummer in Erinnerung, ist eine solche Bloßstellung ein naheliegender Albtraum für sie. Lysander und Demetrius erleben eine andere Art von Albtraum: der unfreiwillige Liebestraum von einer Tabu-Person, in diesem Fall die beste Freundin der Geliebten, der besonders nach dem Erwachen unangenehm ist.

Dass unlogische Geschehnisse erst beim Erwachen bizarr wirken, ist ein weiteres Traummerkmal. Laut dem Neurologen Michel Jouvet werden bestimmte Neuronen im Gehirn im Schlaf zur Erholung ausgeschaltet und verhindern das kritische Bewusstsein. Erst in der Erinnerung nehmen wir Traumbilder als widersprüchlich wahr, die aus der Sicht des Alltags unwahrscheinlich sind, soziale oder kulturelle Normen verletzen oder physikalischen Gesetzmäßigkeiten widersprechen. Dieses Phänomen erlebt auch Bottom, als er aus seinem Eselsdasein erwacht und keine Worte für die grotesken Erlebnisse findet:

Methought I was—there is no man can tell what. Methought I was, and methought I had—but man is but a patched fool if he will offer to say what methought I had. The eye of man hath not heard, the ear of man hath not seen, man’s hand is not able to taste, his tongue to conceive, nor his heart to report what my dream was.

Alles nur ein Traum?

Titania erwacht mit dem gleichen Gefühl:

My Oberon, what visions have I seen!

Methought I was enamored of an ass. […]

Oh, how mine eyes do loathe his visage now!

Sie hingegen erfährt, dass sie nicht geträumt hat. Der Beweis dafür liegt zu diesem Zeitpunkt schnarchend und in Eselsgestalt neben ihr. Für die Liebenden gibt es ebenfalls ein starkes Indiz dafür, dass ihr Albtraum wirklich passiert ist. Sie erzählen nach dem Erwachen alle die gleiche Geschichte, während Träume grundsätzlich nur von einer Person wahrgenommen werden.

Theseus Erklärung für das Ganze: Alle Beteiligten haben halluziniert. Ausgelöst wurden diese Visionen natürlich von Oberon und Puck. Für Shakespeares Zeitgenossen ist das naheliegend. In der germanischen Mythologie waren die sogenannten Alben, später Elfen, für die (Alb-)Träume der Sterblichen zuständig. Den „Nachtalb“ oder „Nachtmahr“ stellte man sich als eine Art Kobold vor, der sich auf die Brust des Schlafenden hockt, sodass ihm die Luft wegbleibt und er sich nicht bewegen kann. Im altenglischen war der „nightmare“ auch als Kobold und Goblin bekannt – und als Puck.

Und was ist mit „Bottom’s Dream“? Der Esel steht als Traumbild für sexuelle Kraft, sowie niedrige Instinkte und Triebe. Diese Bedeutung hat ihren Ursprung in der griechischen Mythologie und wird Shakespeare und seinen Zeitgenossen bekannt gewesen sein. In der Tat wurde der Esel auch aufgrund bestimmter körperlicher Merkmale gern als Sinnbild für die sexuelle Manneskraft gewählt. Dass Bottom in dieser Gestalt eine Nacht mit der Feenkönigin verbringt, ist also durchaus ein möglicher Tagtraum des Handwerkers mit dem verzerrten Selbstbild.

Am Ende lässt sich nicht sicher sagen, wie real die Erlebnisse im Wald waren. Pucks Schlussmonolog ist für das Stück aber von großer Bedeutung. Die Traumhaftigkeit und phantastische Atmosphäre des Stückes tragen stark dazu bei, dass es als Komödie und nicht als Drama wahrgenommen wird. Die Erlebnisse müssten für die Charaktere eigentlich hochgradig verstörend sein. Die allgemeine Einigkeit, dass die Geschehnisse der Nacht bloß ein Traum waren, mildern deren Auswirkungen auf die Beteiligten, obwohl sich Paare durchmischt und Freunde zerstritten haben, von der Eselromanze mal abgesehen. Außerdem befindet sich Demetrius noch immer unter einem unfreiwilligen Liebeszauber. Die Konsequenzen der Nacht, die Klärung des Liebesdreieckes um Hermia und die Versöhnung des Feenpaares, sind also nur wirklich positiv, wenn man von einem verrückten Traum ausgeht – für die Beteiligten wie für den Zuschauer.

Photo ©G2 Baraniak

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