Svenja Borchert
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Svenja Borchert

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„Black as my own face“

Januar 28, 2017 Deutsch, Print, Theatre

Othello und Blackfacing im Theater

Der in Deutschland geprägte Begriff „Blackfacing“ ist seit der gleichnamigen Debatte im Jahr 2015 noch immer hauptsächlich unter Theater- und Medienschaffenden bekannt. Für viele ist die Bedeutung Deckungsgleich mit der neutralen Definition im Duden: „als Schwarze(r) geschminkte(r) Schauspieler(in)“. Der im englischen Sprachraum gebräuchliche Begriff „Blackface“ weist aber gleichzeitig auf eine ursprünglich aus den USA stammende Theatertradition hin, bei der sich Weiße durch übertriebenes und stereotypisiertes Make-Up als Schwarze verkleideten und in sogenannten Minstrel-Shows auftraten. Sie parodierten und karikierten fröhlich singende Sklaven in den Feldern und stellten sie als naiv und ethnisch minderwertig dar. Um 1810 entstanden, hielt diese rassistische Tradition auch in anderen Ländern noch bis Ende der 1970er Jahre an und erfreute sich hoher Beliebtheit. Im Jahre 1978 wurde im englischen Fernsehen noch regelmäßig die Serie „The Black and White Minstrel Show“ ausgestrahlt. In dieser und anderen Shows traten sogar Schwarze selbst in Blackface auf oder orientierten sich an vorgegebenen Klischees, um als Schauspieler oder Sänger vom weißen Publikum überhaupt akzeptiert zu werden.

Doch auch vor dem gezielt rassistischen Blackface Make-Up gab es in verschiedenen Kulturen den Brauch, Gesichter im Rahmen einer Performance mit schwarzer Farbe zu bemalen. Ohne Bezug auf tatsächliche Hautfarben markierte ein schwarzes Gesicht den „Sündenbock“ in heidnischen Ritualen und den Teufel oder verdammte Seelen im Mittelalter. Die dunklen Gestalten standen im Gegensatz zu weiß markierten Engeln und guten Seelen. Der Kontrast von Weiß und Schwarz entsprach Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht, Gut und Böse. Analog auf natürliche Hautfarben übertragen, beeinflusste diese Symbolik möglicherweise die ersten überheblichen Reaktionen der Europäer auf die Bewohner des Afrikanischen Kontinentes.

Othello und Blackface

Zu Shakespeares Schaffenszeiten waren in London nach heutigen Schätzungen etwa 900 Schwarze ein Teil der Gesellschaft, allerdings ein stark marginalisierter Teil. Es waren Sklaven, Dolmetscher für Sklavenhändler, Dienstpersonal und Prostituierte. Eine gesellschaftliche Stellung, wie Othello sie im Stück innehat, war für damalige Verhältnisse eine fortschrittliche Phantasie. Auf der Theaterbühne wurden Schwarze wahrscheinlich von weißen Schauspielern mit schwarzer Schminke verkörpert. Der ursprüngliche Othello war der weiße Schauspieler Richard Burbage, dem Shakespeare einige Hauptrollen auf den Leib geschrieben hat. Im Text gibt es einige mögliche Referenzen darauf, dass Burbage sich für die Rolle schwarz angemalt, wörtlich „(ruß)beschmutzt“ hat, so zum Beispiel „sooty bosom“ (I.2, 73), „begrimed“ (III.3, 396) oder „ignorant as dirt“ (V.2, 176). Ob die Schminke so klischeehaft überzeichnet war wie bei den Minstrel-Sängern, können wir heute nicht sagen. Es lässt sich aber im Fall von Othello keine Absicht nachweisen, sich bewusst über Schwarze lustig zu machen, da der Charakter an sich keine rassistischen Klischees bedient. Klischeehafte äußerliche Darstellungen durch Kostüme und Make-Up waren üblich, vor allem bei weiblichen Charakteren, die von jungen Männern in Kleidern mit hohen Stimmen gespielt wurden. Inhaltlich sind die Frauen bei Shakespeare jedoch keine klischeehaften Witzfiguren, sondern komplexe Charaktere, die sich eher entgegen gängiger Klischees verhalten.

Auch Othello dreht Klischees um. Der Außenseiter ist Titelcharakter und Protagonist des Stückes, die Identifikationsfigur für das Publikum. Als angesehener General und Oberbefehlshaber der Venezianischen Flotte hat er eine wichtige Stellung in der Gesellschaft, auch wenn er trotzdem an deren Rand steht: Er hat eine Afrikanische oder Arabische Herkunftsgeschichte und wurde in seiner Kindheit versklavt. Er konnte sich aber freikaufen und in der Gesellschaft hocharbeiten und wird in dieser als besonders nobel und ehrenhaft beschrieben. Außerdem verliebt sich die weiße Venezianerin Desdemona in ihn und heiratet ihn heimlich, ohne die Zustimmung ihres Vaters. Der Gedanke, dass sich eine weiße Frau in einen Schwarzen verlieben könne, war noch bis in die 1960er unvorstellbar. Solche Beziehungen galten als unnatürlich und abstoßend, „against all rules of nature“ (I, 3, 104). Der Bösewicht hingegen ist der weiße Iago, der ohne offensichtliche Motivation – vielleicht Neid, vielleicht Eifersucht oder Missgunst – die Beziehung des jungen Paares und das Ansehen Othellos zerstört und ihn zum Mord und schließlich Selbstmord treibt. In seinem Name wird oft ein Hinweis auf den spanischen Schutzpatron Santiago vermutet, der in der Renaissance häufig als „Santiago de Matamoros“, der „Maurentöter“ dargestellt wurde. Besonders Iago und Rodrigo sprechen über Othello in seiner Abwesenheit mit rassistischen Klischees wie „Thick-lips“ (I, 1, 67) und „old black ram“ (I, 1, 89). Man kann also argumentieren, dass das Stück Othello nicht an sich rassistisch ist, sondern vielmehr dem weißen Publikum einen Blick auf sich selbst und ihr ausgrenzendes Verhalten eröffnet, das Othello letztendlich zu dem Monstrum werden lässt, als dass sie ihn sehen wollen: „Shakespeare’s tragedy is not about Africanness, but the white man’s idea of Africanness.“ (Virginia Vaughan in: Performing Blackness on English Stages 1500-1800)

Diese These wurde in Verbindung mit den zuvor beschriebenen Wortspielen auf „Ruß“ und „Schmutz“ schon häufiger von Verteidigern des Blackface Make-Ups genutzt, um eine weiße Besetzung der Rolle zu rechtfertigen, die ja ursprünglich für einen weißen Mann mit schwarzer Schminke geschrieben wurde. Sie gingen sogar so weit, dass Ira Aldridge, der erste Schwarze Schauspieler, der um 1830 für die Rolle besetzt wurde, stark kritisiert wurde: Es sei keine große Leistung, etwas zu spielen, das man ohnehin schon sei. Es herrschte die Einstellung vor, dass Schwarze einfach besser von weißen Schauspielern dargestellt werden können – genau wie männliche Schauspieler überzeugender darin seien, Frauen darzustellen. Auch der erste Schwarze Othello in der Royal Shakespeare Company, Paul Robeson, wurde um 1940 nicht gern in dieser Rolle gesehen. Die Zärtlichkeiten, die er auf der Bühne mit der weißen Desdemona austauschte, wurden als sexuelle Übergriffe wahrgenommen. Auch Aufgrund der Tabuisierung von Beziehungen zwischen weißen Frauen und Schwarzen Männern wurden weiße Schauspieler im Blackface bevorzugt. Die wahrscheinlich bekannteste Blackface Performance von Othello ist bis heute die von Laurence Olivier im National Theatre 1964 und in der Verfilmung im Jahre 1965. Olivier war am ganzen Körper schwarz angemalt, inklusive der Fußsohlen. Er verbrachte viele Stunden in der Maske und machte eine eigene Wissenschaft daraus, die richtigen Farbtöne für Lippen und Fingernägel zu finden, trainierte sich eine neue Gangart an und übte gezielt eine tiefere Stimme ein. Laut eignen Angaben ging es ihm dabei bloß um die reine Schauspielkunst: „to lead the public towards an appreciation of acting“ (Kenneth Tynan: Othello. The National Theatre Production. New York: Sein and Day, 1966). Bis heute ist diese Produktion stark umstritten.

Warum ist Blackfacing inakzeptabel und wie kann man es umgehen?

Dass das Blackface Make-Up spätestens seit der Sensibilisierung durch die Bürgerrechtsbewegung der 1960er in den USA als rassistisch und inakzeptabel gilt, war in Deutschland bis vor Kurzem noch kaum bekannt. Für einige Theaterschaffende war es überraschend, dass Perücken, Pappnasen und falsche Bärte erlaubt sind, schwarze Schminke aber nicht mehr. Das liegt zum einen daran, dass Blackface-Schminke, egal wie unwissend sie genutzt oder wie unschuldig sie gemeint ist, eine Symbolwirkung hat. Blackface war das Stilmittel und das Markenzeichen der rassistischen Minstrel-Shows und erinnert an das Trauma der Sklaverei. Es ist eine Tradition, die aus weißen Überlegenheitsgefühlen entstand und lange genutzt wurde, um an diesem Selbstbild festzuhalten. Gleichzeitig unterstützt ein gesellschaftlich akzeptiertes Blackfacing die Ausgrenzung Schwarzer Schauspieler am Theater. Im Rahmen der deutschen Blackfacing-Debatte am Berliner Schlosstheater fiel in einer Stellungnahme des Regisseurs, der in seiner Inszenierung von „Ich bin nicht Rappaport“ auf Blackface Make-Up zurückgriff, folgender Satz: „Kaum einem Ensemble eines Theaters in Deutschland, Österreich und der Schweiz gehören schwarze Schauspieler an. Allein deswegen, weil das Stückrepertoire der Theater ihnen zu wenige Rollen in einer Spielzeit bieten könnte, die ein Festengagement rechtfertigten.“ Dieses Argument legt offen, dass Schauspieler in Deutschland aufgrund ihrer Hautfarbe bei Rollen benachteiligt werden. Ein weißer Schauspieler im rassistisch konnotierten Blackface Make-Up wird offenbar eher akzeptiert und besetzt als ein Schwarzer Schauspieler in klassischen deutschen Theaterstücken. Auch auf der internationalen Bühne wird auf das Problem hingewiesen: Die Oscar-Verleihungen wurden im Jahr 2016 von vielen öffentlich boykottiert, weil es seit Jahren fast ausschließlich Nominierungen für weiße SchauspielerInnen gibt. Kritisiert werden nicht nur die Nominierungen, sondern vor allem die Casting-Entscheidungen. Als „Hollywood Whitewashing“ bezeichnet man es, wenn eigentlich nicht-weiße Charaktere mit weißen Schauspielern besetzt werden und im schlimmsten Fall noch durch Yellow-, Red-, oder Blackfacing klischeehaft ethnisch markiert werden. Diese Art der Besetzung erschwert es nicht-weißen Schauspielern, Rollen zu bekommen.

Neue Wege durch „Non-traditional Casting“

Tatsächlich sehen sowohl deutsche als auch englische Theaterklassiker wenige Rollen für Frauen und PoC vor. In England und den USA hat man aber bereits einen Weg gefunden, mit dieser Situation umzugehen. Das sogenannte „Non-traditional Casting“ sieht vor, dass Stücke „color-blind“ und „gender-blind“ besetzt werden, dass also auch PoC in klassisch weißen und Frauen in klassisch männlichen Rollen besetzt werden. Am Royal Shakespeare Theater wird beispielsweise seit Jahren auf diese Weise besetzt. Dort spielte im Jahr 2000 mit David Oyelowo zum ersten Mal ein Schwarzer Henry VI. Auch Hamlet, Lear und andere weiße, männliche Hauptrollen wurden schon mit PoC oder Frauen besetzt, wenn gleich auch die Kritik besteht, dass diese selbst beim Non-Traditional-Casting noch häufig in die Randpositionen der Diener und Clowns gedrängt werden. Man bezeichnet das als „Minority Casting“. Die von der Warwick University erstellte Datenbank „The British Black and Asian Shakespeare Database“ hat mehr als 1200 Shakespeare Produktionen zwischen 1930 und 2015 dahingehend untersucht. In Othello Produktionen wird zum Beispiel nach Othello selbst am häufigsten die Prostituierte Bianca mit PoC SchauspielerInnen besetzt. Zu einem Gegenschlag holte im Jahr 2015 Lin-Manuel Miranda mit seinem Musical Hamilton – An American Musical aus. Obwohl die Geschichte eines weißen, Amerikanischen Gründungsvater erzählt wird, enthielt die Einladung zum Casting den Hinweis, dass nur PoC besetzt werden. Die Kritik, dass dies wiederum Diskriminierend für weiße Schauspieler sei, wies er damit ab, dass es wichtig für sein Konzept sei. Er wollte die Geschichte toter weißer Männer mit dem Gesicht des modernen, diversen Amerikas erzählen und zugänglicher machen: „Immigrants – we get the job done“. Die Rechnung ging auf: Schon jetzt hat Hamilton Rekorde gebrochen, was Nominierungen, Auszeichnungen und den Besucheransturm angeht. Tickets sind auf ein Jahr im Voraus ausverkauft. Kritik an der Besetzung gibt es so gut wie gar nicht.

Wie sieht es also mit den Möglichkeiten für eine Othello-Produktion aus? Möchte man hier das politisch korrekte Non-traditional Casting anwenden, steht man vor einem inhaltlichen Problem. Othello ist durch seine Hautfarbe in der weißen Venezianischen Gesellschaft als Außenseiter, als „Other“ markiert. Das macht ihn angreifbar und erleichtert Iago das Spiel mit seiner Selbstwahrnehmung: Othello selbst glaubt nicht daran, dass Desdemona ihn wirklich lieben kann und traut ihr eher zu, dass sie eine heimliche Affäre mit Cassio hat. Wenn man über die sprachlichen Hinweise auf sein Aussehen hinwegsieht, spielt seine Hautfarbe aber inhaltlich keine Rolle. Wichtig ist nur, dass er sich in einer marginalisierten Position befindet. Im Jahr 1997 wurde zum Beispiel am The Shakespeare Theater in Washington Patrick Stewart als weißer Othello in einer Schwarzen Gesellschaft inszeniert. In einer Produktion des Royal Shakespeare Theatres im Jahr 2015 wurden sowohl Othello als auch Iago mit Schwarzen Schauspielern besetzt. Gerade den Rassisten des Stückes mit einem Schwarzen zu besetzen eröffnete neue Interpretations-Möglichkeiten. Arbeitet man in einem Land wie Deutschland, wo der Schwarze Bevölkerungsanteil vergleichsweise gering ist, kann man sich natürlich nicht darauf verlassen, dass überhaupt ein Afrodeutscher vorspricht – gerade beim Amateurtheater.

In unserer Produktion wird Othello  dadurch ausgegrenzt, dass sie eine Frau in einer Führungsposition  in einem von Männern dominierten Unternehmen ist. Die Akzeptanz ihres Status bröckelt, sobald ihre homosexuelle Beziehung zu Desdemona öffentlich wird. Sie bedroht das gesellschaftliche und sexuelle Selbstbild des weißen, heterosexuellen Mannes, die sogenannte „male white supremacy“. Wie beim klischeehaft exotischen, sexualisierten Schwarzen Mann wird die Liebesbeziehung  einer Frau zu einer anderen Frau in der Realität des Stückes als unnatürlich angesehen und wird auch daher für Othello in ihrer Eigenwahrnehmung unglaubwürdiger: Der Eifersucht ist ein Angriffspunkt gegeben. Natürlich funktionieren in dieser Konstellation nicht mehr alle Dialoge, Wortspiele und Beziehungen einwandfrei, doch die Befreiung von der schwarzen Schminke eröffnet neue Deutungsebenen, die zuvor oft vernachlässigt oder übersehen wurden. Auf diese Weise kann Othello auch ohne Rassismus funktionieren und lenkt das Augenmerk stärker auf die marginalisierte Stellung der Frauen im Stück.

Photo ©G2 Baraniak

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